Spiritueller Kitsch und das leere Herz
"Der größte Teil dessen, was Menschen für Religion halten, ist entweder Machtpolitik oder spiritueller Kitsch" sagt Wolf Schneider, Herausgeber der Zeitschrift Connection. Seine Thesen über Missverständnisse um Spiritualität haben mich interessiert. "Das Herz ist besser als der Kopf" sei eines der Irrtümer in der Esoterikszene. Ich kenne die weibliche Variante, die dem Mann sagt: "Sei nicht im Kopf, gehe lieber ins Herz". Gemeint ist damit, lieber zu fühlen als zu analysieren. Obwohl früher selbst benutzt, beruht - meiner heutigen Meinung nach - dieser gut gemeinte Rat tatsächlich auf einem Missverständnis über das Herz. Im Zen gibt es den Begriff des "Leeren Herzens". Das Herz wird zu einem stillen See, in dem Denken und Gefühle gleichermaßen versinken.
Missverständnis Herz
"Typisch für die sich so gerne wertfrei gebende Szene", meint Wolf Schneider, Herausgeber der Zeitschrift Connection, "ist die positive bis überschwängliche Bewertung des Herzens gegenüber dem Kopf. Das Hauptproblem ist dabei: Was ist mit dem Herzen eigentlich gemeint? Gewiss nicht der Muskel, der das Blut durch den Kreislauf pumpt, sondern viel eher der Sitz der Gefühle. In der einfachsten Fassung sagt dieses weitverbreitete Klischee: Gefühlsentscheidungen sind besser als Verstandesentscheidungen. Das ist in etwa auch die Aussage der Romantik gegenüber dem so vernunftbetonten 18. Jahrhundert."
Wolf Schneider in "Wege", Ausgabe 4/2007. Ein ähnlicher Artikel ist in seinem Editorial zu 10/2006 für die Connection zu lesen.
Das Leere Herz beherbergt Gefühle und Gedanken
Wolf Schneider bezieht sich auf die gängigen Missverständnisse ums Herz. Herzlich meint dort gefühlsbetont und emotional, ohne dabei wahr zu nehmen, dass Emotionen ebenfalls vom Denken gesteuert sind. Wenn im Zusammenhang von Meditation über das Herz gesprochen wird, so ist das leere Herz gemeint. Das bedeutet nicht, dass keine Gefühle oder Gedanken im Herzen sind. Im leeren Herzen hat alles Platz. Es ist der Urgrund für jede Form.
"Die Leere (des Herzens) darf nicht vergegenständlicht werden, sie ist nicht etwas Absolutes, vor allem nicht leerer Raum. ... Manche Anhänger begnügten sich damit, im Zen-Sitz (za-zen) nichts anderes zu tun, als alle Gedanken und Gefühlsbewegungen abzulegen, nichts zu denken, und so in sich ein gedankliches Vakuum zu schaffen. Für Hui-neng ist dies nicht nur « unvernünftig », sondern « ketzerisch », eine schlimme Abweichung von der Wahrheit."
Aus: Stille und Leere im Zen-Buddhismus von Carl-A. Keller
Das Herz - ein ruhiger, stiller See
Thomas Reestorff hat eine Abhandlung über das Leere Herz geschrieben. Er verbindet das Wissen der chinesischen Medizin mit dem Verständnis des Leeren Herzens im Buddhismus. Ein außerordenlich interessanter Artikel, so finde ich. Ich kann leider nicht auf alle Aspekte des leeren Herzens eingehen, die müsst ihr selbst nachlesen. (Es braucht ein wenig Geduld, sich in die Formulierungen einzulesen, doch dann ist es spannend) ...
Ein paar Auszüge daraus:
Das Herz bildet die Grundlage, um sich dem leeren Raum zu öffnen und mit Aufnahmebereitschaft das Göttliche in uns eindringen zu lassen.
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Wie kann jemand das Dao kennen? Durch das Herz.
Wie kann das Herz das Dao erkennen? Durch die Leere, die reine Aufmerksamkeit, die die Wesen und die Gelassenheit vereinen.
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Die Kunst des Herzens besteht darin, zur Ruhe zu kommen und sich zu leeren. Einem ruhigen See gleichend, spiegelt und reflektiert sich die Wirklichkeit in ihm. Nicht mehr von Anziehung, Abneigung und der Welt der Zehntausend Wesen beeinflußt, meistert das Herz seine Emotionen und kehrt zu sich zurück.
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In Ruhe und Gelassenheit, wohlwissend der Bewegungen des Lebens, ist das Herz zurückgezogen und kommuniziert doch mit dem Außen. Ein unablässiges Kommen und Gehen.
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...und die Trauer wie die Freude, der Jubel wie die Wut existieren nicht dauerhaft in ihm, es sind reaktive Bewegungen auf die Anregungen der Dinge.
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Für das Dao, im Sinnes des Wu wei (Nichthandeln), ist die Voraussetzung ein reines Herz. Es ist nicht im Mangel, weil es leer ist. Es ist leer, damit es klar ist. In der Aufmerksamkeit des Augenblicks.
Das leere Herz, Essenz aus Chinesischer Medizin & Buddhismus, von Thomas Reestorff
Wenn also eine Frau das nächste Mal sagt: "Komme aus dem Kopf und gehe ins Herz" dann werden wir annehmen, dass sie eigentlich meint: "Gehe in dein leeres Herz und werde zu dem stillen See aus dem jede Kreativität und Intuition wächst." Das Denken und die Emotionen dürfen beide mit schwimmen gehen.
"Das Nicht-Herz ist das erleuchtete Herz, das Leere-Herz, das nirgendwo und nirgendwo-dran anhaftet. Solch ein Herz kann nicht in Beschlag genommen werden. Es läßt sich weder vom eigenen Ich noch vom Gegenüber einnehmen. Ein Herz, das sich vom Gegenüber oder dem eigenen erfahrenen Ich einnehmen läßt, ist ein Herz, das anhält."
Viel Spaß beim Meditieren und dem Erforschen des Leeren Herzens
wünscht euch
Samarpan
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