Müdigkeit wehrt Gefühle ab

Als ich zu meditieren begann, überfiel mich regelmäßig bleierne Müdigkeit. Ich war derart müde, dass ich beim Meditieren oder auch danach, wie in ein Koma, in einen traumlosen Schlaf, sackte. Es hat mehrere Gründe, warum man beim Meditieren so müde wird. Einer davon ist, dass Gefühle auftauchen, die man bisher nicht sehen wollte oder konnte.

Unterdrückte Gefühle tauchen auf

Nie habe ich so tief und erfrischend geschlafen, wie während der Abend Meditation. Ich brauchte mich nur hinsetzen und der Kopf war unmöglich gerade zu halten, die Augenlider wurden furchtbar schwer und der Körper rutschte vom Stuhl in eine mehr und mehr liegende Position.
So ähnlich ist das am Abend beim Meditieren...


Manchmal geht es mir heute noch so. Nach ein paar Minuten koma-artigem Schlaf bin ich "knalle wach", die Sinne sind messerscharf und Wahrnehmen fällt leicht.

Der Verstand hat seine eigenen Schutzmechanismen (wie zum Beispiel Müdigkeit), damit wir Gefühlen, mit denen wir nicht umgehen wollen oder können, nicht begegnen müssen. Er macht uns unbewusst. Wir sehen und hören das Leben normalerweise wie durch eine Nebelwand. Meditation bricht die Nebel auf und bringt uns in die Lage, wieder zu sehen - auch das, was wir gar nicht sehen wollen.

So kommt es manchmal vor, dass beim Meditieren oder auch nachher, im Alltag, Gefühle wie Angst, Wut oder Traurigkeit auftauchen. Nicht die Meditationspraxis erzeugt diese Gefühle, sie waren vorher schon da - nur werden sie jetzt sichtbar, sie sind nicht mehr so leicht vor sich selbst zu verstecken. Jemand der meditiert, sieht alles klarer, vor allem sich selbst.


Ich fühle, also lebe ich!

Matthias, unser Put-Zen-Fachmann wischt gerade nebenan den Boden. Er sagt, er sei wirklich froh darüber, genau zu fühlen, selbst wenn die Gefühle manchmal Angst machten. Die Meditationspraxis habe ihn empfindsam werden lassen. Das Leben sei mit Gefühlen intensiver, sagt er, lebendiger und offener. "Ich fühle, also lebe ich!"

Die klare Wahrnehmung, die auch alten Wunden Tor und Tür öffnet, ist nicht leicht zu ertragen. Es braucht einige Praxis, bis es möglich ist, auch starke und unangenehme Gefühle mit Abstand wahrzunehmen, ohne sich dabei zu spalten. Im Osho Meditations-Resort wird deshalb immer wieder betont, dass Meditation nur für psychisch stabile Menschen geeignet sei. Im Falle psychischer Labilität sollte erst Therapie gemacht und dann die Meditation vertieft werden.

Eine Freundin mit langjähriger Psychose hat dennoch positive Erfahrungen mit Meditation gemacht. Die geschärfte Wahrnehmung ermöglicht es ihr heute, einen psychotischen Anfall durch die eigenen, fast unmerklichen Verhaltensänderungen heranschleichen zu sehen und ihm durch Erhöhung der Tablettendosis, viel Ruhe und Langsamkeit rechtzeitig aus dem Weg zu gehen.


Der buddhistische Ansatz: Achtsamkeit

Was ich hier mit "Wahrnehmen" als grundsätzliche Meditationspraxis beschreibe, wird im traditionellen Buddhismus und auch in modernen, psychologisch orientierten Strömungen "Achtsamkeit" genannt.

Der Psychologe Willi Zeidler schreibt:
Achtsamkeit lehrt den Praktizierenen, sich seiner Gefühle (auch der unangenehmen) bewusster zu werden, sie intensiver wahrzunehmen, und sich ihnen zu öffnen, anstatt sie zu vermeiden. Diejenigen, die Achtsamkeit übten, bekämen die Erfahrung, Gefühle als vorübergehend, sich wandelnd und vergänglich wahrzunehmen, wodurch die unangenehmen Gefühle nicht mehr angsteinflößend sein müssten und die Positiven mehr genossen würden.

Die wiederholte Übung von Achtsamkeit erlaube dem Praktizierenden die Fähigkeit zu entwickeln, in stressreichen Situationen ruhig und zentriert von Gedanken und Gefühlen zurückzutreten, anstatt sich ängstlich Sorgen zu machen oder sich an negativen Denkmustern zu beteiligen.
Zeidler, Willi: Unterschiede in der Emotionsverarbeitung bei Achtsamkeitsmeditierenden und Nichtmeditierenden


Gesundung durch Achtsamkeit

Ein guter, einfach zu lesender und fundierter Artikel zu diesem Thema ist in der Fachzeitschrift "Geist und Gehirn" 2006 erschienen:

"Die klinischen Anwendungen von Achtsamkeit sind heute vielfältig: Studien berichten etwa von Erfolgen bei der Behandlung von Stresssymptomen, chronischem Schmerz, Depression und Borderline-Störungen. Methodisch gesicherte Wirksamkeitsnachweise stehen allerdings noch aus."
Willkommen im Jetzt!


Mein Kommentar

Hmmm. Meditation ist zweifellos hilfreich für körperliche und seelische Beschwerden. Es wäre jedoch weit gefehlt, Meditation über bloße Achtsamkeit zu definieren. Meditation geht über den Körper, die Gedanken und die Gefühle hinaus, und dann selbst auch noch über Achtsamkeit hinweg. Körper und Gedanken lassen sich relativ schnell wahrnehmen, Gefühle zu beobachten ist viel schwieriger, weil wir meist so sehr mit ihnen identifiziert sind. Das bedeutet, wir hegen keinen Zweifel, dass sie wirklich und berechtigt sind.

Eine Meditationstechnik zum Üben, wie man Gefühlen mit Abstand begegnen kann - ohne sich zu spalten:
Direkt Schauen


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Alles findet sich im Nichts


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Einen erfrischenden, kraftschöpfenden Tiefschlaf und viel Freude an der entstehenden Wachsamkeit
wünscht

Samarpan


PS: Emotionale Wunden heilen mit Tibetan Pulsing


PPS: Zwei Buchempfehlungen zum Thema:
Emotional bewusst: Wie wir Angst, Wut und Eifersucht in kreative Energie verwandeln
Angst: Die Unwägbarkeiten des Lebens verstehen und annehmen


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Was passiert, wenn man meditiert? Unterdrückte Gefühle kommen an die Oberfläche, was nicht immer leicht auszuhalten ist. Mit Techniken von Achtsamkeit kann man lernen, sich nicht mit den Gefühlen zu identifizieren.

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