Das neblige Glück von Unwissenheit

Der Nebel lichtet sich beim Zählen: '1' - '2' - '3' - '4' - '5' !

Die letzten Tage habe ich damit verbracht, so oft wie möglich und so bewusst wie möglich ‚1 – 2 – 3 – 4 – 5‘ zu zählen. In dem spirituellen Spielfilm Dogen fragt der Mönch Dogen den Küchenmeister nach der Essenz des Buddhismus und dieser antwortet: 1 – 2 – 3 – 4 – 5!

Ich höre zu und verstehe plötzlich, es ist das Offensichtliche, was die Essenz ausmacht. Das, was gerade da ist, wenn ich ‚1‘ sage. Ohne zu denken, ohne Anstrengung, ohne Bewertung, ganz natürlich und entspannt, direkt, ‚1‘ zu sagen. Und dann ‚2‘. Die Welt hat sich beim Nennen der ‚2‘ schon wieder verändert. Alles ist neu. Es ist dieses geheime Offensichtliche, das in der Meditation gesucht und gesehen wird.

Die größte Schwierigkeit! Probiere es selbst aus. Meist bleibe ich bis zu ‚3‘ aufmerksam. Dann kommen die normalen Denknebel und umhüllen die Wachheit. ‚4‘ und ‚5‘ sage ich meist nur noch so vor mich hin – damit die Zahlenreihe komplett ist, doch bewusst und klar bin ich nicht mehr dabei.

So verschlafen lebe ich also mein Leben. Mit 3 Sekunden Wachheit! Der Rest des Lebens wird vom Verstand gelebt, sprich von alten Dingen, die mir einmal wichtig waren. Mit dem Moment und der Gegenwart haben sie nichts zu tun. Ich denke mal, ich bin keine Ausnahme, das ergeht jedem so. Wir haben Vorstellungen, was es bedeutet, Mensch zu sein und danach leben wir. Man kann es das Glück des Unwissenden nennen, es ist ein sehr oberflächliches Glück. Von Wahrheit, Schönheit, Güte, Göttlichkeit, Bewusstsein, Meditation ist dieses neblige Glück der Unwissenheit allerdings weit entfernt.

Mein Schmerzkörper jault. Die Gründe für das Leiden sind nicht nur die Ohrenschmerzen, die mich seit 2 Tagen befallen haben, sondern genau dieses Gefühl, im Nebel nicht selbst über mein Leben zu entscheiden. In dem Dunst des Verstandes bewege ich mich im Pendel zwischen Pflicht und Unterhaltung. Der Shop Meditation von FindYourNose ist mit 230 Produkten fertig gestellt, auf allen 71 Navigationsseiten befinden sich Fotos, es fehlen nur noch die Einleitungstexte… das ist die Pflicht. Debatten und Dokumentarfilme im Fernsehen, Soaps und Krimis, die mir das Leben von anderen Menschen näher bringen, das ist die Unterhaltung für den Verstand. Auch das Treffen mit Freunden, Geschichten hören und Geschichten erzählen…

Zwischen Pflicht und Unterhaltung geistert mein Leben dahin. Das ist nicht alles, was das Leben für mich bereithält, ich weiß das, das sagt mir meine Erfahrung. In der Dunstglocke sitzend ist mir jedoch gerade die Sicht zum Leben in mir vernebelt.

Eine Freundin schickt mir eine Erkenntnishilfe:

„Leiden existiert,
doch wir sind uns dessen nicht bewusst.
Genau durch diese Unbewusstheit geschieht es,
dass wir ein Leben im Leid verbringen –
doch es macht uns nichts aus.
Unser ganzes Leben verläuft in dieser nebligen Unbewusstheit,
in dieser Schläfrigkeit,
und so dauert das Leid immer weiter an.“

Osho, Seeds of Wisdom

 

‚1‘ sage ich daraufhin, und dann ‚2‘ und dann ‚3‘… 

 

Schreibe hier deine Einsichten auf.
Wir interessieren uns dafür.