Warum ich so schnell renne…

Der Einstieg ins Thema des Tages ist die Email einer Kundin, die mir sagt, ich solle lieber langsamer arbeiten und dafür nicht so viele Fehler machen. Hmm, dabei hab ich mir gestern Abend echt Mühe gegeben… Es war wohl doch etwas viel in der letzten Zeit. Erstaunt nehme ich wahr, dass nach diesem Ausspruch und dem Gefühl, versagt zu haben, mein Leben trotzdem weitergeht. Im Gegensatz zu früher, wo ich mich furchtbar schuldig gefühlt hätte. Das Frühstück schmeckt trotzdem noch ganz gut und auch sonst ist die Welt in Ordnung. Mein Selbstwert ist trotz Versagens nicht angeknackst. Wie schön! Natürlich werde ich die Fehler so schnell wie möglich in Ordnung bringen, das ist klar…

Nachmittags bin ich bei meinen lieben Verwandten im nahen Bonn eingeladen. Um den Zug noch zu erwischen, renne ich ziemlich schnell; und später wird weiter gehetzt, weil ich wahrscheinlich ein paar Minuten zu spät komme. Warum renne ich eigentlich so sehr? fragt sich mein Gehirn. Ok, der Schritt verlangsamt sich.

Frage:
„Warum renne ich nur immer so schnell?
Gibt es etwas, was ich nicht sehen möchte?“

Antwort von Osho:
„Es bist nicht nur du. Fast jeder rennt vor sich selbst weg, so schnell er kann und das Problem ist, du kannst nicht vor dir davonlaufen. Wo immer du auch hingehst, du wirst du selbst sein.
Die Angst ist, dich selbst zu kennen. Es ist die größte Angst in der Welt. Sie besteht, weil du so sehr von jedem Menschen für die kleinsten Dinge – die absolut menschlich sind – verurteilt worden bist. So hast du begonnen, dich vor dir selbst zu fürchten. Du weißt, dass du es nicht wert bist…“

Ich erinnere mich an dieses Zitat und dass es mich jedesmal neu beeindruckt hat, wenn ich es hörte. (Das ganze Zitat wird demnächst auf FindYourNose.com nachzulesen sein.) Im Moment kann ich jedoch nicht viel damit anfangen. Vor was sollte ich auf dem Weg zu den lieben Menschen davon laufen? Mein Leben ist gut, ich mag mich und bin gerne alleine, wovor sollte ich davon laufen?

verwandten-essenBei meinen Verwandten gibt es ein köstliches Essen, wir unterhalten uns freundlich, lachen auch manchmal und haben Spaß miteinander.

Nur einfach zu essen, in Gegenwart vertrauter Menschen, kein Computer in der Nähe, FindYourNose weit weg — und ich entspanne. Die letzten Wochen waren doch sehr intensiv und jetzt sitze ich gerade völlig entspannt am Tisch. Sogar das Reden fällt mir schwer. Der Körper fühlt sich bleischwer an.

Wieder am Bahnhof kommt der Zug erst in 30 Minuten und ich schaue entspannt und erfreut dem Rot und Blau des Sonnenuntergangs zu. Wieder fällt mir der Satz von Osho ein, dass wir vor uns selbst davon rennen. Laufe ich vielleicht auch vor etwas davon? Gerade ist Zeit, genau hinzuschauen. Ich entdecke Versagensängste.

Ob ich das mit der neuen FindYourNose hinkriegen werde?

Ich habe Angst, mit der neuen FindYourNose zu versagen, deshalb muss alles so schnell gehen, deshalb kann ich mir keinen einzigen Tag frei nehmen, noch nicht einmal Stunden… Ok, ich renne meist entspannt, das habe ich durch Meditation gelernt, doch das Rennen steht außer Frage. Ich renne auch, wenn es gar nicht nötig ist, da ich sonst erkennen würde, dass ich von unbewussten Ängsten getrieben bin.

Es wird mir unangenehmer auf der kalten Bank am Bahnhof und ich überlege, ob ich mir eine kleine Schokolade kaufen soll. Ein bisschen was zum Runterstopfen der Gefühle. Es wird unangenehm, es ist nicht schön zu fühlen, dass ich Angst zu versagen habe. Möchte ich das wirklich sehen?

Der Zug kommt, er ist fast leer, ich sitze still am dunklen Fenster und habe nun eine halbe Stunde Zeit, nach innen zu schauen. Ok, dann eben so, dann schaue ich eben mal genau hin. Die Verdichtung, die ich innen im Körper spüre, ist drückend und ich habe keine Ahnung, was ich eigentlich ansehen soll. Irgendwann geschieht der Blitz einer Erinnerung, das Gefühl, als ich schlechte Noten nach Hause brachte, oder noch früher, als ich meine Eltern enttäuschte, weil ich nicht brav gewesen war oder nicht wusste, was sie erwarteten und mich hilflos fühlte.

Jetzt war sie da, die große innere Traurigkeit und das Gefühl, sich völlig alleingelassen zu fühlen, verlassen von allen, die ich liebe. Und das schmerzliche Gefühl, alleine, ohne den Zuspruch und Schutz meiner Eltern nicht überleben zu können. Doch wenn ich genau hinschaue, war da schon jemand. Ich. Meine Existenz. Doch die konnte ich als Kind nicht sehen. Und sie hätte für mich auch keine Bedeutung gehabt.

Ich sitze immer noch im leeren Zug. Ein Paar unterhält sich leise auf französisch. Ein junger, slawisch aussehender Mann schaut interessiert auf sein Smartphone. Und drüben sprechen 2 Männer spanisch. Ich mag diese neue Internationalität, die mir jetzt so häufig in der Welt begegnet. Während ich Gedanken über ein vereintes Europa nachhänge, dämmert es mir, dass ich womöglich gerade geistige Schokolade esse. Europa – ein schönes Thema, um Gefühle runter zu stopfen. Ok, wie also weiter gehen? Das Gefühl ist noch da. Traurigkeit, ok. Einsamkeit, ok. Angst vor Auslöschung, ok. Ich nehme wahr, dass mich diese alten Ängste noch heute bestimmen, ohne dass ich mir dessen bewusst bin. Sie lungern wie Steine am Grund eines Sees in mir und treiben mich an, zu paddeln und zu rennen, um sie bloß nicht wahrzunehmen.

Immer noch weiß ich nicht, was ich mit dieser Erkenntnis tun soll. Meine Erfahrung mit ähnlichen Situationen, bspw. in der Koan Praxis, hilft ein wenig. Ich weiß, dass es Zeit braucht, dass sich die Steine nicht sofort auflösen und dass ich ruhig entspannen kann. Ein paar Atemzüge kommen aus der Brust und ich lasse alles sein, wie es ist. Auf dem Heimweg nehme ich mich wieder beim Schnellgehen wahr, ich will wieder schnell an den Computer und dann schnell ins Bett, die Decke über den Kopf ziehen. Und es ist interessant zu sehen, wie  sich mein System unbewusst etwas sucht, das Ablenkung verspricht: essen, Unterhaltung, Arbeit, irgendetwas tun – egal was… Sogar an meine Email-Adressen habe ich mich gewagt und versucht, sie auf dem Tablet einzurichten (wieder ohne Erfolg).

Ok, so halte ich jetzt hier an und schreibe nicht weiter. Gebe den Dingen ein wenig Raum und lasse es zu, dass sich etwas entwickelt oder auch nicht.
Das ist die Art von Abenteuer, die ich liebe.

 

 
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