Manchmal ist Göttlichkeit ganz nah – eine Sufigeschichte

Möchtest du Göttlichkeit erfahren? Das dauert manchmal mehr als 30 Jahre – obwohl du genau jetzt göttlich sein könntest. Eine Sufi-Geschichte über einen Mann, der seinen göttlichen Meister sucht.
Manchmal ist Göttlichkeit ganz nah - eine Sufigeschichte

„Ein Mann, ein Wahrheitssucher, kam einmal zu einem Sufi-Meister und fragte ihn:

‚Ich bin auf der Suche nach meinem Meister. Wie ich höre, Herr, seid Ihr ein weiser Mann. Könnt ihr mir sagen, woran ich einen Meister erkennen kann? Wie kann ich das beurteilen? Falls ich auf meinen Meister stoße – wie kann ich wissen, ob das mein Meister ist?

Ich bin ein blinder, unwissender Mann, ich habe keine Ahnung von diesen Dingen. Und ohne seinen Meister gefunden zu haben, so sagt man, könne niemand zu Gott finden. Also bin ich auf der Suche nach einem Meister.
Hilf mir!“

Selbst wenn wir das Göttliche zu kennen glauben,
wir sehen es nicht

Der Meister teilt ihm ein paar Dinge mit. Er sagt:
An folgenden Dingen wirst du ihn erkennen: Der Meister wird so-und-so beschaffen sein, sich so-und-so benehmen und er wird unter dem-und-jenem Baum sitze. Und er wird so-und-so gekleidet sein und seine Augen sind so-und-so.‘

Daraufhin dankt der Mann dem Alten und zieht seiner Wege. 30 Jahre vergehen und der Mann hat die ganze Welt durchwandert, aber denjenigen, der nach Beschreibung des Alten sein Meister war, hat er nirgends gefunden.

Müde und erschöpft und enttäuscht kehrt er in seine Heimat zurück – und trifft auf den Alten. Der ist inzwischen uralt geworden, aber kaum hat er ihn erblickt…

Der Alte sitzt immer noch unter demselben Baum und jetzt plötzlich erkennt er:

Das ist ja genau der Baum von dem die Rede war! Und genau so ist die Kleidung! Und das sind genau die Augen… und genau diese Stille – alles so, wie der Alte es vorausgesagt hatte!‘

Die Gnade, vor seinem Meister zu stehen, überwältigt ihn. Sein Herz jubelt. 

Und trotzdem, da bohrt noch eine Frage… Er verneigt sich, berührt die Füße des Alten und sagt:
‚Ehe ich mich dir hingebe – bitte sag mir noch eines: Wieso hast du mich 30 lange Jahre auf die Folter gespannt? Warum hast du mir damals nicht gleich gesagt: „Dein Meister bin ich“ ?‘

Göttlichkeit kommt mit der Reife

Da lacht der Alte lauthals und sagt:
‚Hatte ich dir denn nicht gesagt: ‚Er sitzt unter dem-und-jenem Baum? – und das hier ist doch der Baum, unter dem ich damals saß! Und hatte ich dir nicht gesagt: ‚Er wird so-und-so gekleidet sein‘ – und ich trug damals genau dasselbe Gewand!

Ich sah damals wie heute aus, aber du hattest keine Augen im Kopf. Du konntest mich einfach noch nicht erkennen – du brauchtest dieses 30igjährige Herumreisen in alle Himmelsrichtungen, du brauchtest all diese Anstrengungen, damit du mich erkennen konntest.

Ich war zwar da,
aber du warst nicht da.
Jetzt, wo du auch da bist,
kannst du mich erkennen.
Und wie habe ich auf dich warten müssen!

 

Die Sache war ja nicht nur die, dass du so lange reisen musstest. Denk mal an mich: Ich bin uralt, aber ich dufte doch nicht sterben, bevor du zurück warst. Nichtmal mein Gewand durfte ich wechseln, damit du mich ja nicht wieder verfehltest. 30 Jahre lang, stell dir vor, hab ich mich keinen einzigen Augenblick von diesem Baum entfernt!

Aber nun bist du da. Es ist eine  sehr lange Reise geworden – aber nur auf diesem Wege fallen einem die Schuppen von den Augen.‘

Es ist natürlich: Wir müssen uns erstmal verirren

Das Göttliche ist immer hier, nur wir sind nicht hier. Ein Kind muss vom Wege abkommen, es muss eine Pilgerreise von 30 Jahren auf sich nehmen. Jedes Kind muss vom Weg abkommen, jedes Kind muss sich verirren.

Nur dadurch, dass es sich verirrt, dass es leidet, kann es sein Augenlicht, seine Klarheit, kann es Durchblick gewinnen. Erst wenn es sich an 1000enderlei Fragen die Hörner abgestoßen hat, kann es anfangen, nach dem Wirklichen zu suchen. …

Lass also das Grübeln und lass dir keine grauen Haare wachsen, weil du das Göttliche verloren hast. Jeder muss es verlieren… man darf kein Problem daraus machen. Problematisch wird es erst, wenn du immer so weiter machst und nie mehr nach Hause kommst.

Hätte dieser Mann immer so weiter gemacht … wäre er 30 Jahre, 30 Leben, 300 Leben, 3000 Leben lang immer und immer weitergegangen und nie zurück gekommen, dann hätte er nie zu seiner zweiten Kindheit gefunden. Und dann wäre tatsächlich etwas schief gelaufen.

Irre dich – Irren ist menschlich. Nur so lernt man. Komm ab vom Weg – nur wer vom Weg abkommt, findet den Heimweg. Schlag dir Göttlichkeit aus dem Kopf – auf dass du dich dann an sie erinnern kannst.

Lauf vor Göttlichkeit davon, auf dass eines Tages dein Durst zur lodernden Flamme wird und du wieder zu Göttlichkeit zurück kehren musst – als ein Hungernder, als ein Dürstender.“

 

Osho, Zitat – Auszug aus Zen, The Path of the Paradox Vol. II

 

Zen ist spontan

 

2 Kommentare

  • Vielen dank für diese tolle Geschichte! Das trifft eigentlich auf alle möglichen Dinge zu: es ist immer alles schon da, aber wir erkennen bzw. sehen es nur nicht. Und diesen Prozess der Erkenntnis kann man auch schwer beschleunigen, es braucht eben so viel Zeit, wie es braucht. Und es ist auch egal, wie lange es braucht. Wir kommen alle irgendwann an…

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