Nein, ich bin kein Schaf. Nur manchmal.

Gurdjieffs Geschichte vom Zauberer und den Schafen, die sich für etwas Besonderes halten und doch auf der Schlachtbank enden. Und was das alles mit meinem Leben zu tun hat.

Ich glaube, es war Gurdjieff, der die Geschichte vom Zauberer und den Schafen erdacht hat. Ich habe sie von Osho erzählt bekommen. Eine ‚ganz nette‘ Geschichte, wie ich dachte, deren Tiefe mir erst jetzt bewusst wird. Sie beschreibt auch mein Leben. Gerade jetzt, in den Zeiten des Neuanfangs mit FUND.YourNose steht die Frage wieder im Raum:
Samarpan, wer bist du eigentlich?

Der schlaue Zauberer und die dummen Schafe

Es gibt einen Zauberer im Land, der es genießt, Schafe zu essen. Er hat jedoch ein Problem: Ohne Hirtenhunde und Gatter laufen ihm die Schafe davon. Sie spüren die Gefahr, die von ihm ausgeht. Sie zittern vor Angst, denn sie befürchten, geschlachtet zu werden und suchen das Weite.
Er muss sich etwas ausdenken, um sie bei sich zu halten.

So holt er sich ein Schaf nach dem anderen und flüstert ihm ins Ohr:
„Du, mein liebes Schaf, du bist etwas Besonderes. Du bist besonders klug. Alle anderen sind dümmer als du, deshalb werde ich sie aufessen. Irgendjemanden muss ich ja essen, doch dich nicht, denn du bist ein ganz besonders kluges Schaf.“ Das Schaf bleibt von nun an ruhig bei ihm, es sieht zu, wie er ein Schaf nach dem anderen tötet und denkt sich, „Tja, wenn man dumm ist, dann wird man eben geschlachtet.“ Bis es dann eines Tages selbst an der Reihe ist und die Welt nicht mehr versteht.

Einem anderen Schaf flüstert der Zauberer zu: „Du, mein liebes Schaf, du bist mein Lieblingsschaf. Ich liebe dich, deine grazile Art zu laufen, deine Schönheit, deine Süße, deine Unschuld. Nie könnte ich dir etwas zuleide tun. Die anderen werde ich essen, doch dich niemals! Du bist mein Allerliebstes.“ Ein wenig traurig lässt es das Schaf geschehen, dass alle anderen um ihn herum getötet werden. Es muss doch so sein, wovon hätte sich sonst der geliebte Zauberer ernähren sollen? Ihm würde die Schlachtbank natürlich nie geschehen. So träumt das süße Schaf vor sich hin – bis es entsetzt in den Schlachthof geführt wird.

Wieder einem anderen Schaf flüstert der Zauberer ins Ohr: „Du, mein liebes Schaf, du bist gar kein Schaf, du bist ein Löwe. Du weißt es bloß nicht. Wenn du dich erkennen würdest so wie ich das tue, dann würdest du sehen, dass du die Kraft und die Intelligenz eines Löwen besitzt. Alle anderen sind Schafe und es ist in der Natur der Sache, dass sie gegessen werden. Doch du bist ein Löwe, du wirst für deine Natur geachtet und respektiert, du wirst nie gegessen werden. Löwen werden nicht gegessen.“ Stolz bleibt das Schaf in seiner Nähe, in dem sicheren Gefühl, dass es nie getötet werden wird. Als es soweit ist, kann es nur denken, dass hier ein furchtbarer Justizirrtum vorliegen muss: ‚Ich bin doch ein Löwe, warum sieht das nur keiner?!‘

Und schließlich erzählt der Zauberer einem besonders einfühlsamen Schaf, dass es selbst ein Zauberer ist. Ein Zauberer, der sich aus Erkenntnisgründen in der Hülle eines Schafes versteckt hält. Ein überirdisches Wesen, das jenseits von Tod und Schafherde ist. Selbstverständlich ist das ein Geheimnis zwischen ihnen beiden, das die anderen Schafe nie erkennen werden. Sie sind ja nur Schafe. Dieses besondere Schaf geht freudig zum Schlachthof, schließlich weiß es sicher, dass es ein Zauberer ist. Ihm kann gar nichts geschehen!

 

Der Zauberer lebt ein gutes und reiches Leben, alle Schafe bleiben freiwillig bei ihm. Nach und nach kann er eines nach dem anderen essen, ohne dass es irgendein anderes Schaf kümmert oder erschreckt.

 

Die Geschichte ist aus der Erinnerung frei nacherzählt.

 

Ja, auch ich bin ein Schaf. In meiner Kindheit wird mir alles Mögliche geflüstert und ich glaube alles. Dass ich immer die Beste sein muss oder sonst nie jemanden finden werde, der mich liebt… Liebe adieu! Dass ich mich anstrengen muss, sonst werde ich verarmt und mittellos unter der Brücke landen… Entspannung adieu! Dass aus mir, so wie ich bin, nichts Intelligentes für mich und die Welt herauskommen wird, wie soll das gehen?… Kreativität adieu!

Übersetzt heißt das für heute, dass ich in einem Gefühl von Entspannung niemals ein so großes Projekt wie FUND.YourNose auf die Beine stellen werden kann. Ich muss mich anstrengen, sonst läuft gar nichts. Das wurde mir in der Kindheit geflüstert, um mich zum Schaf zu machen, das brav dem folgt, was ihm als wahr eingeimpft wird. Ja, ich bin ein Schaf.

Jedoch nicht mehr ganz und gar, heute bin ich nur noch ein halbes Schaf. Zumindest bemerke ich es regelmäßig, wenn der Zauberer wieder flüstert. Er zeigt sich indirekt im Magen, in dem Gefühl von Bedrückung, von Unfreiheit, von Schuld und Scham, von Wut gegen mich und gegen die anderen, die mir zeigen, dass ich vielleicht doch nicht der Löwe bin, der mir eingeflüstert wurde. Wann immer dieses dumpfe Gefühl auftaucht, schaue ich mich um, ob irgendein größerer Zauberer in der Gegend ist. Und meistens sehe ich ihn dann auch.

Manchmal bin ich auch kein Schaf mehr. Kein intelligentes Schaf, kein liebes Schaf, kein mutiges Schaf und auch kein meditierendes Schaf – überhaupt kein Schaf. Kein Ich, kein Samarpan. In manchen Zeiten bin ich einfach nur irgendjemand – was immer das in diesem Moment auch bedeutet. Manchmal sitze ich dann zufrieden am Computer und arbeite freudig an dem, was zu tun ist. Entspannt und mit Kreativität, in einem Gefühl von Freiheit und alles tun zu können, was die Situation anbietet. Das sind Momente zauberhaften, schaflosen Glücks,  Momente in unschuldiger, wacher Gegenwärtigkeit.

Und wer ist eigentlich der Zauberer? Der Zauberer, der mich erpresst und dazu drängt, mich wohl zu verhalten, brav zu sein, richtig, mutig, mitfühlend, verantwortungsvoll, liebevoll oder aufmerksam zu sein?

Was meinst du, wer der Zauberer ist?
Wer ist der Zauberer in deinem Leben?

 

 
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