Erst die Ideale – dann der Schmerz, sie nicht erfüllen zu können

Wir Menschen suchen erst nach einem Ideal und verurteilen uns dann, dass wir es nicht erfüllen können. Dabei sind wir selbst göttlich! Eine taoistische Geschichte von Chuang Tzu.
Warum Ideale so zerstörerisch sind

Wir Menschen suchen erst nach einem Ideal und verurteilen uns dann, dass wir es nicht erfüllen können. Dabei sind wir selbst göttlich! Eine taoistische Geschichte von Chuang Tzu.

Die Geschichte vom Mann,
der vor seinem Schatten davonlaufen möchte

„Es war einmal ein Mann, der seinen eigenen Schatten so fürchtete und der sich so über seine eigenen Schritte ärgerte, dass er sich entschloss, beides loszuwerden.

Ihm fiel nur ein, vor beidem davon zu laufen.
Also stand er auf und rannte.

Doch jedesmal, wenn er den einen Fuß auf den Boden stellte, folgte darauf  ganz automatisch ein weiterer Schritt. Und sein Schatten blieb bei ihm, auch das war selbstverständlich.

Er bezog seinen Misserfolg auf die Tatsache, dass er nicht schnell genug lief. Also rannte er schneller und schneller, ohne anzuhalten – bis er schließlich tot umfiel.

Er scheiterte daran, eine Tatsache zu erkennen:
Wenn er sich einfach in den Schatten stellen würde, dann würde sein Schatten verschwinden. Und wenn er sich hinsetzen würde, ohne sich zu bewegen, dann würde es keine weiteren Schritte mehr geben.“

Geschichte von Chuang Tzu

Wie wir Leid und Chaos selbst erschaffen

„Der Mensch erschafft sich seine eigene Verwirrung einfach nur, weil er sich immer wieder selbst ablehnt, sich verdammt, sich nicht akzeptiert. Dadurch wird eine Kette von Verwirrung, innerem Chaos und Leid erschaffen.

Warum nimmst du dich selbst nicht an, wie du bist?
Was läuft schief?

Die ganze Existenz
nimmt dich so an wie du bist,
nur du selbst nicht.

Du brauchst kein Ideal zu erreichen

Das Ideal liegt immer in der Zukunft. Das muss so sein, kein Ideal kann in der Gegenwart sein.

Die Zukunft ist nirgendwo.
Sie ist noch nicht entstanden.

Wegen des Ideals lebst du in der Zukunft, die nichts weiter als ein Traum ist. Wegen des Ideals kannst du nicht hier und jetzt leben. Wegen des Ideals verdammst du dich.

Ideale bringen Mangelgefühle mit sich

Alle Ideologien, alle Ideale sind verurteilend, denn durch sie wird in deinen Gedanken ein Bild erschaffen. Wenn du dich ständig mit diesem Bild vergleichst, wirst du immer fühlen, dass es an etwas mangelt, dass irgendetwas fehlt.

Es mangelt an nichts und nichts fehlt.
Du bist perfekt –
soweit wie es überhaupt eine Möglichkeit für Perfektion gibt.

Versuche das zu verstehen, denn nur dann wirst du Chuang Tzus Parabel verstehen können. Sie ist eine der schönsten Parabeln, die jemals erzählt wurde. Die Geschichte geht sehr tief, sie beschreibt genau, wie das menschliche Denken funktioniert.

Warum suchst du immer nach Idealen in deinem Kopf?
Warum bist du nicht genug, so wie du bist?
Genau in diesem Moment, warum bist du nicht göttlich?
Wer mischt sich da ein?
Wer stellt sich in deinen Weg?

Genau diesen Moment –
warum kannst du ihn nicht genießen und glücklich sein?
Was ist das Hindernis?

Das große Missverständnis:
Zuerst muss ich noch…

Die Blockade entsteht durch dein Ideal.
Wie könntest du auch genießen? Du bist so voller Wut… zuerst müsste die Wut gehen – das denkst du. Wie könntest du sonst glücklich sein?

Du bist voller Sexualität. Zuerst müssten die Sex-Gedanken aufhören. Wie könntest du sonst diesen Moment wie ein Gott feiern?

Du bist voller Gier, Leidenschaft, Wut. Zuerst müssten diese gehen, so denkst du. Dann erst wirst du göttlich sein können.

So also erschaffst du zuerst ein Ideal. Wegen dieses Ideals gerätst du in die Verdammung. Vergleiche dich mit dem Ideal und du wirst nie perfekt sein, das ist unmöglich.

Wenn du sagst ‚Nur wenn…‘, dann ist Glück unmöglich, denn dieses ‚Nur wenn…‘ ist das größte Hindernis.

Bedingungen fürs Glück stellen –
der Weg ins Unglück

Wenn du denkst: 
‚Erst wenn das und das erreicht ist,
dann werde ich glücklich sein‘,
… dann werden sich diese Bedingungen nie erfüllen.

Und zweitens, selbst wenn sich diese Bedingungen erfüllen, dann wirst du bis dahin die Fähigkeit zu feiern und zu genießen verloren haben.

Heute brauche ich mich nicht zu verbessern

Und dann geschieht das nächste:
Wenn diese Bedingungen erfüllt sind – wenn das überhaupt möglich ist, da sie nicht erfüllt werden können – wird dein Denken weitere Ideale erschaffen.

So hast du dein Leben seit vielen Leben verpasst. Du erschaffst ein Ideal und dann möchtest du das Ideal sein. In der Folge davon fühlst du dich verurteilt und minderwertig. Denn wegen deines träumenden Verstands wird deine Wirklichkeit verdammt. Die Träume haben dich zerstört.

Feiere!
Du bist in diesem Moment göttlich.

Ich sage dir genau das Gegenteil:
Sei in diesem Moment göttlich.

Lasse Wut da sein,
lasse Sexualität da sein,
lasse Gier da sein –
du feierst das Leben.

Nach und nach wirst du öfter
schöne Gefühle in dir haben, weniger Wut;
mehr Glückseligkeit, weniger Gier;
mehr Freude, weniger Sex-Gedanken.

Dann bist du auf dem richtigen Weg.
Sonst geschieht das nicht.

Wenn eine Person ihr Leben in ganzer Totalität feiern kann, dann verschwindet alles Falsche. Doch wenn du versuchst zuerst Vorbereitungen zu treffen, um das Falsche weggehen zu lassen, dann verschwindet es nie.

Kämpfe nicht mit der Dunkelheit –
zünde einfach eine Kerze an

Du lebst und kämpfst mit der Dunkelheit. Dein Haus ist ganz dunkel und du fragst: Wie kann ich nun eine Kerze anzünden? Bevor ich die Kerze anzünde, muss erst diese Dunkelheit beseitigt werden.

So denkst du.

Ideale loslassen, Dunkelheit verschwindet mit Licht
Feiere, werde zu einer glückseligen Flamme

Du meinst, zuerst müsse die Gier gehen, dann erst kann es zu Samadhi, zu Ekstase kommen.

Du weißt nicht, was du sagst.

Du sagst, zuerst müsse die Dunkelheit gehen und erst dann könntest du eine Kerze anzünden – als ob dich die Dunkelheit daran hindern würde.

Dunkelheit ist eine ‚Nicht-Einheit‘, sie ist nichts, es gibt in ihr keine Substanz. Sie ist einfach eine Abwesenheit, keine Gegenwart. Dunkelheit ist nur die Abwesenheit von Licht.

Zünde das Licht an und die Dunkelheit verschwindet.

Feiere, werde zu einer glückseligen Flamme und alles was falsch ist, verschwindet. Wut, Gier, Sex-Gedanken oder was auch immer du anführst, sind ohne Substanz. Sie sind nur die Abwesenheit eines glücklichen, ekstatischen Lebens.

Wut ist die Unfähigkeit,
sich zu freuen und zu genießen

Weil du dich nicht freuen kannst, bist du wütend. Es ist nicht so, dass jemand deine Wut erschafft. Weil du nicht genießen kannst, leidest du sehr, das ist der Grund, warum du wütend bist. Die anderen Leute sind nur eine Entschuldigung.

Weil du nicht feiern kannst, kann dir keine Liebe geschehen – nur Sex. Damit beruhigst du dich mit den Schatten von Liebe.

Und dann sagt der Verstand:
Zerstöre erst diese Schatten und dann steigen die Götter vom Himmel herunter.

Das ist eine der offensichtlichsten Irrtümer der Menschheit, die älteste. Und du folgst jeder Dummheit.

Du bist göttlich, jetzt, in diesem Moment

Es ist schwierig für dich anzunehmen, dass du in diesem Moment göttlich bist. Doch ich frage dich – was fehlt?

Woran mangelt es dir? Du bist am Leben, du atmest, bist bewusst – was brauchst du sonst noch?

In diesem Moment sei göttlich.

Selbst wenn du fühlst, dass es nur ein ‚als ob‘ ist, mach dir nichts draus. Und wenn du nur denkst ‚Ich nehme nur mal an, dass ich wie ein Gott bin‘, – akzteptiere es, kümmere dich nicht um das ‚als ob‘.

Beginne mit dem ‚als ob‘ und bald wird die Wirklichkeit folgen. Denn in der Wirklichkeit bist du göttlich. Wenn du einmal wie ein Gott bist, dann verschwindet alles Leiden, jede Verwirrung, jede Dunkelheit.

Werde zu einem Licht.
Um das zu werden, müssen keine Bedingungen erfüllt werden.“

(…)

Die Gedanken auf die Seite stellen

„Denke daran, kämpfe nicht mit den Gedanken, sonst wirst du dich an ihre Bedingungen halten müssen. Wenn du den Verstand überzeugen möchtest, musst du gut argumentieren – und das ist der ganze Punkt.

Wenn du den Verstand überzeugen musst, dann musst du Worte benutzen. Das ist das ganze Problem.

Stell ihn einfach auf die Seite. Dieses ‚Auf-die-Seite-stellen‘ ist ‚Shraddha‚. Das ist nicht gegen das Denken gerichtet, ‚Shraddha‘ ist jenseits des Verstandes. Es bedeutet einfach, den Verstand auf die Seite zu stellen.

Es ist genauso, wie wenn du aus dem Haus gehst. Dann benutzt du deine Schuhe. Und wenn du herein kommst, stellst du sie auf die Seite. Da gibt es keinen Kampf, kein Problem, nichts dergleichen.

Du sagst nicht zu den Schuhen:
‚Jetzt gehe ich nach innen und ihr werdet nicht mehr gebraucht, also stelle ich euch auf die Seite‘.
Du stellst sie einfach zur Seite, sie werden nicht gebraucht.

Es ist einfach:
LEICHT IST RICHTIG!
Es braucht keinen Kampf.

Easy is right

Leicht ist richtig – da ist kein Kampf und kein Konflikt. Du stellst einfach die Gedanken auf die Seite, bewegst dich in den inneren Schatten und setzt dich hin. Dann sind keine Schritte zu hören und kein Schatten folgt dir mehr – du bist göttlich.

Du kannst nur das werden, was du schon bist.

Ich sage dir also, du bist wie ein Gott, du bist ein Gott. Gib dich nicht mit weniger als das zufrieden.

Und erschaffe dir nicht irgendein Ideal, sonst wirst du dir Konflikte und Verurteilung erschaffen und Flucht und Kämpfe… und dein ganzes Leben wird rätselhaft.“

Das Leben ist ein Mysterium und kein Rätsel.
Es muss gelebt werden, nicht gelöst.

Osho, Zitat – Auszug aus When the Shoe fits #3

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