Meditation erfüllt keine Wünsche – doch viel mehr

Tja, ein Weihnachtsmann wäre toll.
Einer, der sofort alle meine Wünsche erfüllt. Es könnte ein Gott mit weißem Bart sein. Oder, ganz modern: die Kraft von Gedanken, die mir gibt, was ich will.

Schöne Märchen.
Meditation erfüllt keine Wünsche -
doch viel mehr.
Die Existenz ist kein Weihnachtsmann

Der Trugschluss: brav sein erfüllt Wünsche

Manchmal begegne ich Menschen, die meinen, sie müssten sich nur brav verhalten und dann würde ihnen der existenzielle Weihnachtsmann alle Wünsche erfüllen. Das erwarte auch ich manchmal ganz unbewusst.

Also alles immer schön richtig machen, sonst wirst du krank, deine Beziehung wird schwierig oder/und du bekommst einen blöden Job!

Ich hatte eine Grippe und die eine oder andere esoterisch Geschulte mag gedacht haben: Kein Wunder Samarpan, dass du krank geworden bist, schließlich hast du …

  • … krank werden wollen
  • … dich dem existenziellen Fluss des Lebens verschlossen
  • … Milch getrunken, Schokolade gegessen oder dich zu wenig bewegt
  • … oder anders ‘gesündigt’, was eine Krankheit geradezu heraufbeschwören muss…

Kurz, ich war nicht brav und damit selbst schuld an meinem Schicksal.

Die absolute Kontrolle übers Leben ist eine Illusion

Früher war es Gott, heute bin ich es selbst. Wenn etwas schiefgeht, dann war es meine Schuld, denn ich habe gesündigt, sprich mich irgendwie falsch verhalten, nicht? 

Irgendwie kommt mir das doch bekannt vor, ich befinde mich in einem uralten, in den Knochen steckenden Glaubenssystem von richtig und falsch

Verantwortung für sein Leben zu übernehmen ist gut, doch Fantasien über ein kontrollierbares Leben zu entwickeln bringt Enttäuschung und Frustration mit sich.

Der selbstoptimierte Mensch hofft auf Sicherheit

Es ist ein angenehmes Gefühl, alles unter Kontrolle zu haben und womöglich sogar seine DNA mithilfe von Gedanken beeinflussen zu können. Bruce Lipton bspw. fasziniert mit solchen Theorien über die Neuprogrammierung des Unterbewusstseins und vermittelt ein Gefühl, das eigene Leben endlich in den Griff zu bekommen. Es ist eine schöne Illusion von der ultimativen Sicherheit.

Ganz früher waren es mehrere Götter, die Sicherheit lieferten, wenn man sie richtig bediente. Dann gab es den einen Gott als Übervater, der mehr oder weniger gerecht über Recht und Unrecht waltete. Und heutzutage ist es die Steuerung der Gedanken, die dem perfekten Menschen Halt bieten und Wünsche erfüllen sollen.

Das Gesetz der Anziehung aus dem Film “The Secret” behandelt das Thema in entsprechender Weise: “Was immer ich denke, das manifestiert sich”, das ist die Botschaft des Films. Alles ist möglich – du musst es dir nur herbeidenken…

Du bist krank?
Da wirst du wohl falsche Gedanken haben.

Du fährst keinen Mercedes und deine Beziehung könnte glücklicher sein?
Kein Problem – richte deine Gedanken auf deine Wünsche und sie werden sich erfüllen.

Die Existenz ist ein großes Einkaufszentrum und der große, göttliche Weihnachtsmann erfüllt dir all deine Wünsche, die dort ausgestellt sind.

‘Magisches Denken’ ist ein Rückfall ins Mittelalter

Würde C.G. Jung noch leben, dann würde er den Film “The Secret” wohl für einen Rückfall in ein mittelalterliches, magisch-kausales Denken halten. Wie ein kleines Kind, das Zaubern gelernt hat, denken die Menschen, dass sie mit dem Denken das Leben steuern können. So werden Wünsche wahr.

Seit jeher suchen die Menschen danach, die Kontrolle über Leben und Sterben zu übernehmen und sich allmächtig zu fühlen. Das ist heute nicht anders als im Mittelalter.

Mit Sätzen aus dem Film wie:
‘Du wirst das, worüber du am meisten nachdenkst’,
‘Du bist das Meisterstück deines Lebens’ oder
‘Alles kann dir gehören’
fühlt sich das ICH stark – genau, wie sich ein Kleinkind in seiner Welt stark fühlt.

Eine halbwahre Geschichte

Eine Gruppe von Leuten, die mit dem “Geheimnis” arbeiteten, trafen sich regelmäßig, um ihre Erfahrungen auszutauschen. Ein Mann fehlte seit Wochen. Eines Tages sah der Vorsitzende des Clubs den Sohn des Mannes auf der Straße: “Junge, was ist mit deinem Vater? Er hat sich seit Wochen nicht bei uns blicken lassen.”

Der junge Mann sagte: “Er ist krank.” Der Vorsitzende lachte. “Er wird das nie verstehen. Er ist nicht krank, er denkt nur, dass er krank ist. Die Krankheit sitzt in seinem Kopf. Gehe zu ihm, erzähle ihm das und sage ihm schöne Grüße von mir.”

Doch weiterhin kam der Mann nicht zu den Treffen. Und wieder passierte es, dass der Vorsitzende auf den Jungen traf.

“Was ist los mit deinem Vater? Hast du ihm nicht die Nachricht von mir überbracht?”

“Doch”, antwortete der Junge, “ich habe es ihm gesagt.”

“Warum kommt er dann nicht zu den Meetings?”

Der junge Mann sagte: “Jetzt denkt er, dass er tot ist. Seit Tagen sagen wir zu ihm “Paps, das ist alles nur deine Einbildung,” doch er hört nicht zu.

Meditation erfüllt keine Wünsche

Meditation ist genau das Gegenteil zum Versuch, Kontrolle über das Leben zu erhaschen. Im Zustand von Meditation lässt der Meditierende die Dinge wie sie sind, auch im Alltag – ohne etwas auszuwählen und ohne die Situation zu bewerten.

Krank oder gesund, mit Mercedes oder ohne – die entspannte Aufmerksamkeit ist nicht auf Wünsche gerichtet, sondern darauf, was jetzt gerade da ist, wer wahrnimmt und was in diesem Moment spontan möglich ist.

Was Meditation bewirkt

Krank?
Okay, das ist eine Gelegenheit, still zu sein, sich soweit wie möglich in den leeren Raum zu entspannen und dem Körper zu geben, was er benötigt.

Neid auf Leute, die es sich einfacher als du im Leben machen?
Diese neidvolle Emotion wird still und freundlich an sich wahrgenommen und vielleicht auch für sich selbst ausgedrückt, um sie besser wahrnehmen zu können.

Anders als im Film “The Secret” mit dem sogenannten Geheimnis von ‘Wie bekomme ich das, was ich will’, richtet man in der Meditation seine Aufmerksamkeit auf den Wahrnehmenden selbst – das, was ich wirklich bin.

Und auf Wer bin ich? Das ist jenseits vom Denken, von Gefühlen oder dem Körper (und großen Autos).

Meditation bedeutet
nicht zu wählen.

(Nicht einmal das Nicht-Wählen.)

Meditation ist,
auf eine Situation spontan, bewusst
und unvoreingenommen zu antworten.

Ein Leben ohne Kontrolle genießen

Kontrolle ist unnötig und wird von mir heute sogar als einschränkend wahrgenommen. In meinem Leben habe ich eine Erfahrung gemacht, die ich dem “Secret” entgegensetzen möchte:

Das, was ich mir an Dingen, an Beziehungen oder Erfahrungen gewünscht habe, ist nur ein läppischer Bruchteil von dem, was tatsächlich passiert ist, seit ich meditiere. Es gab Wunder über Wunder.

Menschen haben mir unerwartet Geld geschenkt, mich unterstützt, ich habe die wahre Liebe kennen gelernt und einen Einblick in das bekommen, was die Welt im Innersten zusammenhält.

Meditation hat mein Leben auf einzigartige Weise bereichert

Meditation hat mir keine Wünsche erfüllt, doch mir unendlich viel mehr gegeben – Dinge, die ich nie erwartet hätte. Dinge, die so unerwartet und neu sind, dass ich sie mir noch nicht einmal vorstellen hätte können, geschweige denn wünschen.

Danke. Danke. Danke.

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4 Kommentare

  • Liebe Samarpan,
    noch nie war er so wertvoll wie heute, um mal den alten Webespruch zu nehmen.
    Seit längerer Zeit lese ich mit großer Freude und viel Gewinn für mich deinen Newsletter. Aber so gut wie heute hat das Thema noch nie gepasst zu dem, was mich gerade bewegt. Kontrolle auch mal loszulassen und in andere Hände zu legen, die größer sind als meine, tut so gut.
    Vielen Dank dafür und herzliche Grüße,
    Edwin

    • Lieber Edwin,
      ja, so geschieht es mir auch, dass ich genau über das lese, was mich gerade beschäftigt. Und dieses Thema hat mich auf jeden Fall beschäftigt. Wir sind also in Tune…
      Viel Freude uns dann also noch mit unseren kleinen, unbedeutenden Leben, die so schön gelebt werden können, wenn sie nicht so wichtig genommen werden.
      Herzliche Grüße
      Samarpan

  • Liebe Samarpan,
    wie schön, dass es Dir wieder so viel besser geht und ich Deine inspirierenden Gedanken und Meditation jeden Tag geniessen kann.
    Vielen Dank für diesen Bericht. Du sprichst mir aus dem Herzen. Ja, es gibt so vieles was wir uns gar nicht vorstellen und/oder wünschen könnten.
    Danke für Dein Tun.

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