Fürchte dich vor dem Guten

Das Gute ist nicht immer das Gute, manchmal vernebeln gute Worte das, was wahr ist. Ich entdecke die furchtbare Kraft des Guten.
Fürchte dich vor dem Guten

Dieser Artikel über die negative Kraft des Guten beginnt gestern, als ich in der Pause meines Workshops ‚Meditation meets Marketing‘ an der Wand im Nebenraum eine Liste über ‚Hemmnisse in der Meditation‘ entdecke. Ich lese die Punkte aus dem MBSR-Kurs interessiert durch. Da werden einige hindernde Denkzustände beschrieben, wie bspw. Müdigkeit beim Meditieren, Selbstzweifel oder Langeweile, die Stillsitzen schwer machen.

Positive Gedanken sind auch Gedanken

Ich lese über die negativen Abwehrmechanismen des Verstandes und denke, da fehlen die positiven: Kreativität zum Beispiel. Beim Stillsitzen sind kreative Gedanken und Gefühle für mich die größten Hemmnisse. All die guten Ideen über wunderbare Dinge, die ich noch erschaffen werde… Es ist leicht zu übersehen, wie das Gute einlullt und die Wachsamkeit vernebelt. Die schönen Projekte, die in meinem Kopf umgesetzt werden, machen die Entdeckung von Stille genauso unmöglich, wie das sogenannt Negative, das, was ich ablehne – was ich hier ‚das Böse‘ nenne.

Während des Marketing-Seminars sprechen wir dann darüber, wie man essenzielle Dinge für Kunden verständlich ausdrücken kann. Das ist eine schwierige Sache. Wir betrachten die Bilder, die ich auf FindYourNose nutze, um die rechte Gehirnhälfte anzusprechen. Alles mit guten Absichten – selbstverständlich! Mit der guten Absicht, das Gute in mir zum Ausdruck zu bringen und auch beim Leser anzuregen. Die Überschriften sollen positiv sein, um ein angenehmes Gefühl beim Leser zu bestärken. Alles, um das Gute im Menschen zu unterstützen.

Die zerstörerische Kraft eines guten Gefühls

Eine Dokumentation über Auschwitz lässt mich heute dann innerlich erstarren. Nicht so sehr über das Böse, das dort geschah. Schon lange berührt und interessiert es mich, darüber zu hören, das ist nichts Neues. Heute erstarre ich, weil ich die furchterregende Kraft des Guten erkenne.

Eine Überlebende berichtet über Musik, die sie spielte, während die Leute in die Gaskammer geführt wurden. Die Opfer beruhigten sich dadurch, denn sie glaubten, wenn Musik gespielt wird, dann kann es nicht so schlimm sein… Die gute Musik wurde von den Tätern als psychologische Waffe benutzt, Angst zu reduzieren und Vertrauen zu erwecken.

Ein anderer guter Satz ist ‚Arbeit macht frei‘ — ein schöner Slogan, der von mir sein könnte, da mir meine Arbeit tatsächlich zu großer Freiheit verholfen hat… Und dann die Art der Deutschen zu sagen, sie hätten nur korrekt ihre Arbeit gemacht. Sie fühlten sich als Gutmenschen, weil sie alles richtig gemacht hätten. Auch das kenne ich an mir. Die einlullende Kraft des guten Gefühls, alles gut und richtig gemacht zu haben.

Zweifel

Ich zweifle an meiner Arbeit auf FindYourNose. Auf anderen Webseiten über Meditation sehe ich ebenfalls das Bemühen, die Schönheiten, die Güte, die Besonnenheit, die Achtsamkeit herauszustellen. Der schale Geschmack bleibt, dass wir hier einfach ein neues Wertesystem erschaffen, das die Welt wieder einmal in gut und böse einteilt. Mit allen idiotischen Folgen, die seit Jahrtausenden immer und immer wieder wiederholt werden: Ablehnung der anders Denkenden, Kampf um das Gute, Zerstörung des Bösen.

Wie in jedem Spielfilm kämpft das Gute gegen das Böse seit ewigen Zeiten, schließlich soll das Gute gewinnen! Tausende von guten Menschen gehen auf die Straße gegen die, die als böse angesehen werden. Es mag Erfolge geben, das organisierte Böse zu behindern, im Ganzen gesehen nutzt Widerstand jedoch nichts. Das Böse taucht an allen Ecken doppelt so mächtig wieder auf. Was also tun?

Die Wendung

In der Dokumentation über Auschwitz spricht ein Überlebender, der Künstler Jehuda Bacon, über sein Ringen um Verständnis im Hinblick auf Gut und Böse. Er meint, es sei eine Lebensaufgabe, das Zusammenspiel zu verstehen und sagt sinngemäß:

Das Böse ist nicht das Gegenteil des Guten.
Es gibt nur den Weg zu einer großen Einheit.
Man kann sich dieser nähern,
das ist das Höchste,
die Nähe zu Gott.
Bei näherem Hinschauen sieht man,
dass das Böse keine Existenz hat.

So gehört von Jehuda Bacon in der Dokumentation über Auschwitz auf Phoenix Mut zum Leben‘
(Die Dokumentation ist leider auf Phoenix entfernt worden)
Die Botschaft der Überlebenden von Auschwitz
Film von Thomas Gonschior und Christa Spannbauer

 

… dass das Böse keine Existenz hat…‚ Was für ein Satz. Und das aus dem Munde eines Menschen, der die Abgründe der Menschheit erlebt hat. In dem Interview erzählt er von einer Erfahrung mitten im Horror:
Er habe etwas gesehen, das nicht zerstörbar sei, das alles überlebe.

Zusammenfassung

Ich halte es für möglich, dass das, was ich für gut und richtig halte, nicht immer wahr ist. Die guten Absichten sind da, doch wenn sie zu einem Wertesystem von gut und böse gehören, erzeugen sie womöglich das Gegenteil. Womöglich wird eines Tages jemand von mir als ‚Nicht-Meditierer‘ beschimpft?!

Ein Wertesystem teilt die Menschheit in gut und böse ein. Das Leben ist jedoch konzeptlos. Böse sind nicht etwa ‚die Nazis‘.  Es ist das Verhalten einzelner Menschen, die dies oder das begehen, das nicht akzeptabel ist. Es ist nicht ‚der Islam‘ oder ‚die Buddhisten‘, die gut oder schlecht sind. Statt dessen sind es einzelne Menschen, die sich in bestimmten, einzigartigen Situationen irgendwie verhalten. So wie ich auch: manchmal mit Bosheit und manchmal mit Güte.

Bewusst zu leben bedeutet für mich, ohne Wertesystem von gut und böse auf eine Situation und das Verhalten eines Menschen (auch mich selbst) zu antworten. ‚Böse‘ ist relativ leicht zu erkennen, doch achte ich ab jetzt genauer auf das, was ich als gut wahrnehme. Es ist kein Verlass darauf, dass das, womit ich mich wohl fühle, wirklich auch das Wahre ist. Es mag noch eine tiefere Wahrheit geben, die ich im Moment nicht wahrnehmen kann.

Worauf soll ich mich dann verlassen?

Im Versuch, eine Antwort zu finden, die konzeptlos ist, würde ich sagen:
Ideen von gut und böse nicht verfolgen, auch nicht die von richtig und falsch. Auf meine Intelligenz im Moment kann ich mich verlassen und auf Antworten, die aus einem Raum von Leere kommen.

Und: Fehler zu machen, mich zu irren, ist erlaubt und erwünscht, das vertieft das Verständnis…

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2 Kommentare

  • Danke für den Artikel, liebe Samarpan. Sehr schön. „Einlullend“, hihi. Ja. Es ist ja auch eine Sucht, dass man sich immer „gut fühlen“ will. Schöner ist doch sich immer gut zu FÜHLEN (im Sinne sich überhaupt zu fühlen).
    🙂

    • danke piam, das ist ein guter hinweis finde ich. dass es nicht immer ums gut fühlen geht, sondern ums fühlen überhaupt. also sich wahrzunehmen, gleichgültig, wie der zustand ist… ja, das finde ich gut.
      liebe grüße
      samarpan

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