Warum du beim Meditieren müde wirst

Beim Meditieren müde zu werden, das geschieht fast jedem Meditierenden, so auch mir. Warum? Müdigkeit hängt oft mit unterdrückten Gefühlen zusammen.
Warum du in der Meditation müde wirst

Als ich zu meditieren begann, überfiel mich regelmäßig bleierne Müdigkeit. Ich war derart müde, dass ich beim Meditieren – oder auch danach – in einen tiefen, traumlosen Schlaf sackte.

Es hat mehrere Gründe, warum Meditierende beim Meditieren so müde werden. Einer davon ist, dass Gefühle auftauchen, die nicht gesehen werden wollen oder können. So auch bei mir.
» Über Widerstände beim Meditieren

Nie schlief ich so tief während einer Meditation, wie anfangs, als ich zu meditieren begann. Besonders während der AbendMeditation brauchte ich mich nur hinzusetzen und der Kopf konnte sich unmöglich gerade halten, die Augenlider wurden furchtbar schwer und der Körper rutschte in eine mehr und mehr liegende Position.

Geht es dir auch so?
Eine Katze beim Meditieren …

Bis heute geht es mir noch manchmal so. Das Gute ist, dass nach ein paar Minuten „Koma-artigem“ Schlaf ich dann ‚knalle wach‘ bin, die Sinne sind messerscharf und Wahrnehmen fällt leicht.

Der kurze Schlaf hat anscheinend seine Notwendigkeit, danach ist die Atmosphäre frisch und leicht und Meditation die reine Freude.

Müdigkeit deckt unangenehme Gefühle zu

Um unangenehme Gefühle zu vermeiden entwickelt jeder Verstand individuelle Schutzmechanismen. Müdigkeit in der Meditation ist ein solcher Mechanismus.

Müdigkeit, Abgespanntheit, Erschöpfung schalten das Bewusstsein aus – man möchte nur noch schlafen. Wenn ich müde bin, sehe und höre ich das Leben wie durch eine Nebelwand hindurch und muss nichts mehr fühlen.

Meditation bricht die Nebel auf und bringt mich in die Lage, wieder zu sehen – auch das, was ich gar nicht sehen will.

Es kommt also vor, dass beim Meditieren Gefühle wie Angst, Wut oder Traurigkeit auftauchen. Nicht die Meditationspraxis erzeugt diese Gefühle, sie waren schon vorher da – sie werden nur in der Stille sichtbar, sie lassen sich nicht mehr so leicht vor sich selbst verstecken.

Jemand der meditiert, sieht alles klarer, vor allem sich selbst.

Psychische Stabilität ist eine gute Basis für Meditation

Die klare Wahrnehmung, die Wunden so deutlich sehen lässt, ist nicht leicht zu ertragen. Es braucht einige Übungspraxis, bis es möglich ist, auch starke und unangenehme Gefühle mit Abstand wahrzunehmen, ohne von ihnen überwältigt zu werden.

Eine gewisse psychische Stabilität ist für Meditation unterstützend – sie hilft, nicht in Gefühlen verloren zu gehen. Wenn dich Emotionen leicht überwältigen, dann mag es sinnvoll sein, zunächst eine Therapie zu machen. Dann geht auch das unbeteiligte Wahrnehmen von Emotionen leichter.

Labile psychische Gesundheit schließt jedoch Meditation nicht aus. Eine Freundin mit langjähriger Psychose hat positive Erfahrungen mit Meditation gemacht. Die geschärfte Wahrnehmung ermöglicht es ihr heute, einen psychotischen Anfall durch die eigenen, fast unmerklichen Verhaltensänderungen heranschleichen zu sehen und ihm durch Erhöhung der Tablettendosis, viel Ruhe und Langsamkeit rechtzeitig aus dem Weg zu gehen.

Gefühle wahrnehmen – ein Geschenk des Lebens

Ein Freund sagt, er sei wirklich froh darüber, genau zu fühlen, selbst wenn Gefühle manchmal Angst machten. Die Meditationspraxis habe ihn empfindsam werden lassen. Das Leben sei mit Gefühlen intensiver, sagt er, lebendiger und offener. „Ich fühle, also lebe ich!“

In diesem Sinne lohnt es sich, die Vermeidungsstrategien des Verstands zu erkennen. Es gibt ein paar Tricks, wie Müdigkeit in der Meditation verfliegt.

5 Tipps bei Müdigkeit in der Meditation

Der buddhistische Ansatz: Achtsamkeit

Was ich hier mit „Wahrnehmen“ als grundsätzliche Meditationspraxis beschreibe, wird im traditionellen Buddhismus und auch in modernen, psychologisch orientierten Strömungen ‚Achtsamkeit‘ genannt.

Der Psychologe Willi Zeidler schreibt:

Achtsamkeit lehrt den Praktizierenden, sich seiner Gefühle (auch der unangenehmen) bewusster zu werden, sie intensiver wahrzunehmen, und sich ihnen zu öffnen, anstatt sie zu vermeiden.

Diejenigen, die Achtsamkeit übten, bekämen die Erfahrung, Gefühle als vorübergehend, sich wandelnd und vergänglich wahrzunehmen, wodurch die unangenehmen Gefühle nicht mehr angsteinflößend sein müssten und die Positiven mehr genossen würden.

Die wiederholte Übung von Achtsamkeit erlaube dem Praktizierenden die Fähigkeit zu entwickeln, in stressreichen Situationen ruhig und zentriert von Gedanken und Gefühlen zurückzutreten, anstatt sich ängstlich Sorgen zu machen oder sich an negativen Denkmustern zu beteiligen.

Zeidler, Willi: Unterschiede in der Emotionsverarbeitung bei Achtsamkeitsmeditierenden und Nichtmeditierenden (Leider ist der Verweis nicht mehr online)

Gesundung durch Achtsamkeit

Ein guter, einfach zu lesender und fundierter Artikel zu diesem Thema ist in der Fachzeitschrift „Geist und Gehirn“ 2006 erschienen:

„Die klinischen Anwendungen von Achtsamkeit sind heute vielfältig: Studien berichten etwa von Erfolgen bei der Behandlung von Stresssymptomen, chronischem Schmerz, Depression und Borderline-Störungen.“
aus: PDF Willkommen im Jetzt!

Meditation ist mehr als Gesundheit und Achtsamkeit

Hmmm. Meditation ist zweifellos hilfreich für körperliche und emotionale Beschwerden. Es wäre jedoch weit gefehlt, Meditation über bloße Achtsamkeit zu definieren. Meditation geht über den Körper, die Gedanken und die Emotionen hinaus, und dann selbst auch noch über Achtsamkeit hinweg.

Körper und Gedanken lassen sich relativ schnell wahrnehmen, Emotionen zu beobachten ist viel schwieriger, weil wir meist so sehr mit ihnen identifiziert sind. Identifikation, das bedeutet, ich hege keinen Zweifel, dass sie wirklich und berechtigt sind (obwohl sie ebenfalls nur Gedanken sind).

Eine Meditationstechnik zum Üben, wie man Gefühlen mit Abstand begegnen kann: Nur schauen

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Warum du in der Meditation müde wirst: Unterdrückte Gefühle tauchen auf

6 Kommentare

  • Darf ich (als selbst oft Meditierende!) auch auf die Theorie hinweisen, dass Meditation auch der Verdrängung von Themen dienen kann, die besser in einer Psychotherapie aufgehoben wären .. Victoria Rationi schreibt das z.B. in „Warum Mönche meditieren müssen“ (aber auch in: Spiritual Bypassing …). Für mich hab ich das jedenfalls teilweise als richtig erkannt …

    Konstanze

    • Liebe Konstanze,
      guter Hinweis, doch ich habe damit keine Erfahrung – habe wahrscheinlich die Verdrängung verdrängt :) Ich denke, wenn jemand etwas verdrängen möchte, dann findet er immer Wege, wie er das machen kann. Auch mit Meditation. Da Meditation etwas mit Wachheit zu tun hat, vermute ich, dass man sich leichtere Wege zur Verdrängung aussuchen kann als Meditation. Alkohol oder Arbeitssucht, bspw. Zumindest ist das meine Meinung.
      Herzliche Grüße
      Samarpan

  • Früher habe ich mich gegen die Müdigkeit gewehrt und gedacht, ich sei zu undiszipliniert, unfähig zu meditieren usw. Heute bin ich davon nicht mehr überzeugt. Sondern davon, daß der Schlaf wichtig ist, damit sich das Hirn auf eine andere Art „denken“ einstellt. Wenn ich ein Nickerchen gemacht habe, ist danach mein Gehirn und meine Seele freier, neue Wege zu gehen und neue Gehirnwindungen zuzulassen. Ich glaube, das Gehirn entspannt sich bei einem Nickerchen in der Meditation. Störend ist nicht der Schlaf, sondern die Gedanken und Urteile, die ich dazu empfinde. Und, vielleicht bin ich ja tatsächlich durch und durch müde, und der Meditationsschlaf ist eine große Hilfe zur Regeneration. Und Müdigkeit mag ja auch Angst und anderes Unbehagen befördern. Also, ich plädiere für ein wertfreies Schlafen bei und in der Meditation, wenn er sich einstellt. Der Schlaf: ein Freund der Meditation und von mir. Und vielleicht ist der Schlaf auch eine Form von Meditation. Eine Meditation, die das Bewußtsein zunächst einmal umgeht, damit wir nicht ständig störend eingreifen. Geht es Euch nicht auch so, wenn ihr ausgeschlafen seid, geht alles leichter?
    Mit ausgeschlafenen Grüßen Gisela

    • Liebe Gisela,
      ich bin ganz deiner Meinung. Nach einem kurzen Minuten-Nickerle beim Meditieren bin ich so klar wie nie zuvor. Was man vielleicht beachten könnte, ist, dass der Verstand Entspannung als Zeit zum Schlafengehen interpretiert. Es ist gut, sich dieses Mechanismus bewusst zu sein. So löst er sich nach und nach auf und Einschlafen in der Meditation ist nur noch ein seltenes Phänomen. Zumindest war das bei mir so.
      Herzliche Grüße,
      Samarpan

  • Was im Umkehrschluss heißt, dass Meditierende sehr mutige Menschen sind und darauf sehr stolz sein können! :)

    Wenn man sich mit seinen Gefühlen intensiver als jemals zuvor auseinander setzt, erkennt man sich doch auch bestimmt mit jedem weiteren Tag immer besser, egal wie groß bei jedem Einzelnen dieser Schritt ist. Wenn man auf diesem Wege zu seinem Urvertrauen gelangt, ist das bestimmt ein super Gefühl!

    • Hi Ronny, das stimmt für mich absolut, dass Meditierende mutige Menschen sind. In vieler Hinsicht. Sich selbst wertzuschätzen stößt oft an die Grenzen von dem, was die Leute für richtig und gut halten. Auch das erfordert Mut, sich selbst nicht für die Meinung der anderen aufzugeben.
      Ganz liebe Grüße an dich
      von Samarpan

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