Was bedeutet es, Gefühle zu beobachten?

Was passiert, wenn man meditiert? Man lernt seine Gefühle genau kennen, ist in intimen Kontakt mit ihnen. Hier eine Übung zur Beobachtung von Gefühlen, Einsichten aus dem Zen und eine Geschichte vom traurigen Zenmeister.

Was bedeutet es, Gefühle zu beobachten?

Manchmal denken Leute, wenn man meditiert, dann habe man keine Gefühle und Emotionen mehr und sei immer gleich, freundlich und gelöst. Das Gegenteil ist der Fall. Meditation bedeutet, ganz mit seinen Gefühlen in Kontakt zu sein.

Fühlen ist ein wichtiges Element in der Meditation, denn Fühlen ist gleichbedeutend mit Wahrnehmen. Überall im Körper können Emotionen gefühlt und wahrgenommen werden. In der Meditation wird genau gefühlt – wahrgenommen – was sich vor dem inneren Auge aufbaut.

Bei emotionsreichen Gefühlen mögen innen zunächst nur laute, wiederkehrende Gedanken wahrgenommen werden. Dann auch sensiblere Empfindungen im Körper – im Magenbereich etwa oder im Brustraum und den Schultern.

Es mögen innere Farbschleier zu sehen sein, die mit bestimmten Emotionen auftauchen oder auch innere Töne, ein Brummen etwa, das mit einer Emotion einhergeht …

5 Minuten Übung zur Wahrnehmung von Emotionen

Sitze entspannt und wach, mit geschlossenen Augen. Entspanne den Bauch, die Schultern und den Kiefer. Lass los. Richte den Blick nach innen.

Nach ein paar Momenten denke an eine emotionsgeladene Situation und fühle, was im Körper geschieht. Vielleicht warst du unter Stress, hast versagt, einen Fehler gemacht? Fühle genau und wachsam, was im Körper geschieht, wenn du dich an diese Situation erinnerst.

Nach etwa einer Minute steige aus der Situation aus und denke einen freudigen Satz wie bspw. ‚(Name), die/der hat mir so geholfen‘… Beobachte wach, was sich nun innen im Körper verändert, wenn sich Dankbarkeit ausbreitet.

Und dann wechsle wieder in eine unangenehme Emotion. Sage dir einen negativen Satz, vielleicht aus einer Situation, die dich wütend gemacht hat: ‚Wie der mich behandelt hat, das war wirklich unmöglich‚. Und nimm wahr, wie sich der Körper innen mit diesem Wut-Gedanken verändert.

Dann denke wieder an eine friedliche und schöne Situation und beobachte, was sich innen im Körper verändert.

Das Spiel kann lange so weiter gehen. Ein erfreulicher Gedankensatz — ein stressgeladener Gedankensatz — und wieder ein erfrischender Gedanke… Wie schnell lassen sich Emotionen wechseln!

Beende die Übung mit ein paar Momenten Stille.

Unbewusste Emotionen steuern das Leben

Emotionen und Gefühle machen einen großen Teil des Lebens aus. Sie steuern und kontrollieren uns meist unbewusst, auf Knopfdruck, sozusagen. Und obwohl Emotionen in jedem Leben so gegenwärtig sind, fällt es doch so schwer, sie bewusst wahrzunehmen und den automatischen Steuerungsmechanismus zu unterbrechen.

Es scheint keine Augen dafür zu geben, eine Emotion wie Eifersucht oder auch überschwängliche Freude als Ding wahrzunehmen. Emotionen werden meist wie im Nebel wahrgenommen. Durch Meditationstechniken schulen wir unsere inneren Augen und lernen, Gefühle wach zu erfassen.

Durch Fühlen wird die Fähigkeit gestärkt,
sensibel wahrzunehmen und bewusst zu sein.

Einsichten aus dem Zen über Gefühle

Mit Gefühlen in Kontakt sein, ohne daran festzuhalten

Zen bedeutet mit seinen Gefühlen in Kontakt zu sein, sie tief zu durchdringen und dann über sie hinauszugehen. In Kontakt sein, aber nicht an ihnen haften, sie nicht lieben, sich nicht sagen: „Jetzt muss ich aber traurig sein“.

Es gibt Leute, die hängen an ihren Emotionen. Im Zen hängt man an überhaupt nichts. Wenn man traurig ist, ist man völlig traurig. Aber schon am nächsten Tag kann man voller Freude sein. Wie das Wetter, das sich ändert.“

Roland Yuno Rech, Auszug aus Der Buddhaweg – Gefühle

Auch Zenmeister haben Gefühle

„Das heißt nicht, dass es überhaupt keine Gefühle mehr gibt. Nur die heftigen Emotionen, die, die uns stören, haben die Tendenz zu verschwinden. Gefühle sind Teil des Lebens, und das geht weiter. Selbst wenn man Zazen macht, ist man traurig oder froh.

Auch Zen-Meister haben Gefühle. Ich habe Meister Deshimaru erlebt. Er hatte Emotionen. Im Gegensatz zu den gewöhnlichen Leuten, blieb er nicht Gefangener seiner Emotionen, sie sind sehr schnell vorbeigegangen. Wenn man z.B. traurig ist, ist man völlig traurig. Man geht bis in die Tiefe der Traurigkeit.

Und das geht vorbei. Das ist wie eine Wolke, die vorüberzieht. Das heißt aber nicht, dass es keine Wolken mehr gibt, sondern nur dass sie nicht verweilen. Sie ziehen schnell vorüber.“

Roland Yuno Rech, Auszug aus Der Buddhaweg – Gefühle

Geschichte vom traurigen Zen-Meister

Ein Zenmeister weinte 48 Stunden lang. Einer seiner Schüler sagte zu ihm: „Sie sind kein richtiger Meister. Sie lassen sich von ihren Emotionen überwältigen und heulen wie ein kleines Kind.“

Der Meister antwortete: „Meine Freiheit besteht darin, zu weinen, wenn ich traurig bin.“ Er war völlig eins mit seiner Trauer, als er traurig war. Und er war wirklich in der Tiefe seiner Traurigkeit. Der Erfolg davon war aber, dass er den größten Teil seiner Traurigkeit in 48 Stunden bewältigt hatte. Dann war es vorbei.

Geschichte vom traurigen Zen-MeisterEs gibt andere Leute, die gegen die Trauer kämpfen und sich bemühen, sie zu verbergen. Sie verleugnen die Trauer und tun so, als wären sie überhaupt nicht traurig. Es gelingt ihnen nicht zu trauern. So bleiben sie mit dieser Trauer dann Monate lang. Das ist viel schlimmer. Das sollte man nicht tun.

Man kann durchaus damit fortfahren, Emotionen zu empfinden, ohne sie zu dramatisieren. Das Leben geht weiter, man wird nicht zu einem Leichnam.

Man empfindet weiter Wünsche und Emotionen, aber man ist davon nicht mehr konditioniert, wird davon nicht mehr geleitet.

Wenn man in einem bestimmten Augenblick traurig ist, wird das nicht mehr völlig unser Handeln ändern. Und wenn man wütend ist, wird man z.B. nicht mehr gewalttätig. Aber es ist wichtig die Wut zu zuzulassen, wenn sie da ist. Man unterdrückt sie nicht, man folgt ihr aber auch nicht. Sie wird zum Koan: Was ist das? Man kann wirklich von einer Emotion aus erwachen.“

Roland Yuno Rech, Auszug aus Der Buddhaweg – Gefühle

Sein tieferes Wesen erfahren

„Der Übungsweg hilft uns, auf eine Ebene zu gelangen, auf der die Fixierung an Gedanken oder Gefühle aufgehoben wird. Die Angst kann auf der Ich-Ebene also durchaus weiter existieren, Wut kann mich weiter plagen, aber ich erfahre, dass mein eigentliches Wesen sehr viel tiefer liegt und von all dem nicht erschüttert werden muss. I

ch lerne, Gefühle zuzulassen und zu haben, ohne von ihnen besetzt oder blockiert zu sein. …“

Willis Jäger, Zen Akademie

Mit-Fühlen

Jemand, der nicht fühlt, sich nicht wahrnimmt, ist von der Welt abgeschnitten. Nicht nur von seiner eigenen Welt, sondern auch der seiner Umgebung. Warum?

„Wie können wir uns vorstellen, was andere gerade denken oder beabsichtigen? Entscheidend ist offenbar eine Art Simulation in unserem Gehirn, sobald wir eine Person beobachten. Die Handlung wird sozusagen innerlich imitiert.

Neue Forschungsergebnisse zeigen sogar: Man braucht das Gefühl für seinen eigenen Körper, um auch die Handlungen eines Gegenübers richtig einzuschätzen und sie im wahrsten Wortsinne (innerlich) nachvollziehen zu können.“

Bericht aus Psychologie Heute, vergriffenes Heft

Mitgefühl ist nicht Mitleid

„Im Mitgefühl ist immer auch ein Teil Emotion enthalten, Mitleid mit den Wesen, die leiden. Wenn man überhaupt nicht berührt ist, fällt es einem oft schwer, zur nächsten Etappe überzugehen, in der man sich fragt: „Was kann ich jetzt eigentlich tun, um dieses Leiden zu erleichtern?

Wenn man aber von Mitleid überwältigt ist, ist das einzige, was man machen kann, mit dem anderen zu weinen, ohne dass man Weisheit schafft. Der Geist ist nicht klar, sondern ist von der Emotion ergriffen.

Man kann nicht sehen, was das Richtige ist, um zu helfen. Man muss also die Fähigkeit bewahren, Emotionen zuzulassen, und die Fähigkeit kultivieren, sie schnell vorüber ziehen zu lassen und sich nicht von Emotionen gefangen nehmen zu lassen.“

Roland Yuno Rech, Auszug aus Der Buddhaweg – Gefühle

Und schließlich: Das Objekt, die Emotion, loslassen

„Wenn die Konzentration stärker wird, so fühlt der Meditierende Leichtigkeit in Körper und Geist. Was aber auch für Gefühle auftauchen mögen, der Meditierende sollte wissen, dass da ‚fühlen‘ ist und dann das Objekt loslassen.“

Acharn Tippakorn

 

Hinweis:

Auf den Unterschied von Emotionen und Gefühlen ist hier nicht eingegangen worden um die Dinge einfach zu halten. Nach meiner eigenen Erfahrung spielt diese Unterscheidung für den Prozess des Beobachtens keine Rolle.
Über Traurigkeit zum innersten, kosmischen Kern gelangen

 

Ein Beitrag von Samarpan, Meditationslehrerin, Herausgeberin von FindYourNose, Herzschmerz Tipps, FindYourNose Nasenspitzen und FindYourNose Online Marketing.

 

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