Über die Schwierigkeit, (achtsame) Gedanken zu beobachten

Stressgedanken zu beobachten, das geht noch leicht. Die normalen Alltagsgedanken wahrzunehmen, das ist schwierig. Ich sehe mir die Dokumentation 'Stopping - Wie man die Welt anhält' an und komme zu überraschenden Erkenntnissen.
Über die Schwierigkeit, (achtsamke) Gedanken zu beobachten

Es ist nicht leicht, Gedanken wahrzunehmen.

Am ehesten geht das noch im Stress, wenn bestimmte Gedanken sehr laut sind. Sowas wie ‚Du kommst zu spät‘ oder ‚Das schaffe ich nicht mehr‘… Solche Gedanken sind leicht zu hören.

Im Alltag, wenn alles prima läuft und das normale Leben seinen Gang geht, ist es schwierig, die Aufmerksamkeit auf die Gedanken zu richten. Es ist ja alles so normal.

Warum ist das ein Problem?

Die unbemerkten Gedanken erschaffen meine Persönlichkeit, sie handeln aus dem Unterbewusstsein unbemerkt und für mich ganz selbstverständlich. Alles scheint so logisch und klar zu sein!

Und so bleibe ich mir selbst gegenüber unsichtbar und handle immer ähnlich.

Mittlerweile ist es zu meiner Erfahrung geworden:
Gedanken beobachten zu können ist notwendig, um mein automatisches Handeln zu unterbrechen. Selbst, wenn es oft schwierig ist, das Denken und die Funktionsweise des Verstandes zu erkennen – die Wahrnehmung von Gedanken ist Voraussetzung, den Alltag in Freiheit leben zu können.

 

Im Folgenden ein Beispiel aus meinem Leben, als mich unbewusste Gedanken steuerten. Ich wollte Achtsamkeit praktizieren, doch es waren nur Gedanken, die Gedanken beobachteten. Kennst du das?

Achtsame Gedanken sind auch Gedanken

Wir 6 Worker putzten das große Haus mit gleichzeitiger Aufmerksamkeit auf der Tätigkeit und uns selbst.

‚Mir wird übel, wenn ich dir beim Saubermachen zusehe,‘ sagte irgendwann eine Kollegin, als ich achtsam einen Mülleimer reinigte. Ich hatte ‚PutZen‚ erfunden – das sind Achtsamkeits-Übungen, wie man im Tun das Wahrnehmen unterstützen kann.

Dieser deutliche Satz war ein zweifacher Schock: Einmal, wegen der starken Aggressivität – ich hatte ihr doch gar nichts getan? – und zum anderen, weil ich eine Wahrheit darin roch.

Sie hatte den Finger auf eine von mir nicht wahrgenommene Gedankenwelt gelegt. Da war das ständige Bemühen in mir, mich zu verbessern, alles richtig zu machen, sich spirituell korrekt zu verhalten, mich mit ganzem Einsatz wacher zu machen…

Es war ein intensiver, entschlossener Versuch, bewusst Achtsamkeit zu praktizieren, so, wie das heilige Gutmenschen machen und damit ihre Umgebung zu ‚unbewussten Dooferles‘ abstempeln. Darauf hatte sie reagiert. Zu recht.

Der aggressive Satz schockierte mich in die Wahrheit, er zeigte mir mein spirituelles Ego. Die spirituellen Gedanken hatte ich nicht bemerkt, ich konnte sie vor diesem Feedback nicht sehen. Es schien doch alles richtig, gut und schön so zu sein!

Die feurige Bemerkung hatte mir meine Ego-Blindheit mit einem Schlag sichtbar gemacht. Die Absicht, mit Achtsamkeit zu experimentieren, kam nicht etwa aus Entspannung, Leichtigkeit und der Freude am Dazulernen. Sie kam aus einem zwanghaften Gedankengeflecht von ‚Ich will es gut und richtig machen‘.

Mein ‚achtsames‘ Tun beruhte auf Gedanken und hatte nichts mit Bewusstheit zu tun.

Das konnte ich plötzlich ganz deutlich wahrnehmen.

Ein Dokumentarfilm:
Wie man die ‚Gedanken‘-Welt anhält

Zur Zeit läuft ein Film über Achtsamkeit: ‚Stopping – Wie man die Welt anhält‚. Am Beispiel von 4 Menschen, die ihre Gedankenwelten beruhigen und entspannten möchten, werden verschiedene Wege zum Ausstieg aus den Gedanken gezeigt.

Die Methoden reichen von Vipassana Meditation, Mantra singen, Andacht und Visualisierungsmeditationen bis hin zu MBSR -Achtsamkeit und Zazen Sittings.

Mich berührt der Film insofern, als mir durch ihn wieder mein egozentrierter, heiliger Gutmensch gespiegelt wird. All diese vorgestellten Konzepte, wie der Mensch zu seinem wahren Wesen finden kann, erinnern mich an meine vom Denken gesteuerten Versuche beim PutZen, bloß aufmerksam und achtsam zu handeln.

Auch die im Film vorgestellten Methoden, so vermute ich, vermitteln den Teilnehmern nicht etwa ihr wahres Wesen jenseits ihrer Gedanken, sondern sie sorgen nur für eine neue, positivere Gedankenwelt. Zumindest ist im Film für mich nichts anderes zu erkennen.

In Oshos Ansatz können Gedanken und Gefühle ohne irgendeinen konzeptuellen Hintergrund wahrgenommen werden. Du musst nichts über Achtsamkeit wissen oder irgendetwas visualisieren, du musst dich nicht konzentrieren oder an etwas glauben, um eine aktive Meditation zu machen – die Gedanken lassen sich währenddessen wie von selbst wahrnehmen.

Tatsache ist: Sie schreien in der Meditation so laut, dass sie kaum zu überhören sind.

Um Gedanken zu beobachten, braucht es keine Regeln. Ich muss mich nicht anstrengen, um achtsam und demütig zu essen oder um ein Frühstück freudig und aufmerksam zu genießen.

Wie oft bin ich nach der OSHO Dynamischen Meditation in tiefer Dankbarkeit und Freude beim Frühstück gesessen!

Keine Regeln, keine Gedankenkonzepte sind notwendig, wenn die innere Wahrnehmung über Körperbewusstsein geschärft wird.

Gedanken lassen sich vom Herzen beobachten

Was dieser Film auch sichtbar macht, ist, wie sehr die Leute aufblühen, wenn ihr Herz berührt ist. Nach nur einem Tag Atem-Beobachten steht der vorher gestresste, junge Arzt schon strahlend vor der Kamera.

Die leicht in Wut zu bringende Mutter spricht nach einer Visualisierungs-Meditation ruhig und entspannt von ihren Einsichten. Und am Aktivisten und Theologen nehme ich nach seiner durchlittenen Zazen-Praxis eine sanfte Empfindsamkeit, Lebendigkeit und Freude wahr.

Alle Teilnehmer im Film sind berührt – welche Methode auch immer sie für sich nutzen. Und das ist wunderschön anzusehen.

Fazit:

Um Gedanken beobachten zu können, braucht es Berührung,  die Erfahrung eines inneren, empfänglichen Raumes. Selbst wenn dieser Raum nur kurz berührt wird, reicht diese Erfahrung aus zu verstehen, wie sich Gedanken beobachten lassen .

Die Methode, wie du deine Gedanken beobachten lernst, hängt von deinen Vorlieben ab. Übe mit einer Technik die dir guttut. Die Berührung im Herzen oder auch im Bauch – das ist das, worauf es ankommt, das ist das Wesentliche.

Grundsätzlich empfehlenswert ist es, aktive Meditationen zu machen. Durch sie verankerst du dich im Körper und von da aus lassen sich selbst achtsame Gedanken leicht wahrnehmen.

 

Viel Freude beim Gedanken wahrnehmen
(auch den achtsamen Gedanken)

und sich selbst entdecken
wünscht
Samarpan

Dem Gehirn regelmäßig Ruhepausen verschaffen

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Trailer zum Film
‚Stopping – Wie man die Welt anhält‘

Mehr über die Dokumentation über Achtsamkeit

 

Über die Schwierigkeit, Gedanken zu beobachten

2 Kommentare

    • Hi Ron,
      zu deinen Fragen:

      1. Ist das Sein-Wollen nicht am Anfang jeder Suche?

      Hmm. Meiner eigenen Erfahrung nach würde ich sagen, dass das ‚Raus-Sein-Wollen‘ am Anfang jeder Suche steht. Der Geschmack des Seins geschieht irgendwann unverhofft. Erst dann beginnt die Suche nach dem Seinszustand – bzw. nach dem, was wir davon halten.

      Die Suche nach dem ‚Raus-Sein-Wollen‘ aus den Problemen des Lebens macht die Menschen anfällig für alle möglichen Heilsversprechen… Es ist die Hoffnung, doch irgendwie gleich bleiben zu können und alles beim Alten zu lassen und nur ein wenig besser funktionieren zu können, wenn dieses oder jenes getan wird… Das ist keine bewusste Suche nach etwas Wirklichem, da man dieses Etwas vorher noch nie bewusst wahrgenommen hat und auch nicht glaubt oder verstehen kann, dass es das Nicht-Sein gibt.

      Ich würde also sagen die Suche beginnt mit Verzweiflung, Enttäuschung und Frustration. Und dem Gefühl, keinen Weg mehr zu sehen.

      2. Ist nicht selbst dieser Blog ein Wohin-Wollen?

      Habe ich gesagt, dass Wohin-Wollen etwas Schlechtes ist? Dann besteht ein Missverständnis, das wollte ich so nicht sagen.

      Ich habe nichts gegen Wohin-Wollen oder Suchen. Ganz im Gegenteil. Warum nicht irgendwo hinwollen? Wenn es das ist, was meine gegenwärtige Bewusstheit vorschlägt, warum nicht? Manchmal ist es gut, zu suchen, einen Ausweg zu suchen, sich zu bewegen… und irgendwann interessiert die Suche nicht mehr. Und irgendwann beginnt sie vielleicht wieder. Wo immer ich auch stehen mag, da ist es eben.

      Es ist nicht die Suche, sondern die Versprechen, denen Raus-Sein-Wollende ausgeliefert sind, die mich stören. Oft stille Versprechen, die manchmal die einfache Herzens- und Körper-Intelligenz vernebeln, indem sie Konzepte und Glaubenssätze anbieten.

      Und dann wieder ist jeder selbst für sich verantwortlich. Mancher mag dort lernen, wo ich nichts lerne und umgekehrt.

      Schreiben hilft mir, Dinge klarer zu sehen und noch besser zu verstehen. Das ist meine ganze Absicht.

      Und: Es ist natürlich nicht die absolute Wahrheit, die ich hier schreibe, sondern einfach ein Selbstausdruck. Du magst eine völlig andere Meinung haben. Gerne.

      Herzliche Grüße
      Samarpan

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